Dienstag, 16. Oktober 2007

Mütter und Helden

Anthroposophen im „sauberen Krieg"

Eva Herman, ehemalige Tagesschausprecherin und bis vor kurzem noch TV-Moderatorin, betätigt sich seit längerem hauptberuflich als Autorin und unterstützt nebenbei Kampagnen des Pharmakonzerns Hoffmann-La Roche. (Eva Herman – Wikipedia)

Die Reklame für ihr jüngstes Buch („Das Prinzip Arche Noah“) gerät ungewollt zu einem Medienspektakel. In ihrer Publikation tritt Herman vehement für eine strikte Rollenverteilung der Geschlechter in der Gesellschaft ein, die sie als unverzichtbaren „Wert“ betrachtet. In einer Pressekonferenz äußert sie in einem extrem wirren Satz, die Herrschaft des Nationalsozialismus sei eine „grausame Zeit“ gewesen, in deren Folge dann die 68er-Generation praktisch „alles, was wir an Werten hatten“ abgeschafft hätten, „eben auch das, was gut war“. (Wortlaut Eva Herman)

Bezüglich der von Herman verfochtenen „Werte“ richten demnach die Studenten der 60er Jahre schlimmeres an als die Nationalsozialisten. Während der NS- Herrschaft seien diese „Werte“ erhalten geblieben, teils sogar gefördert, teils vielleicht auch ein bisschen missbraucht worden. Erst die maßlose Tabula rasa der Studenen habe diese „Werte“ jedoch gut zwanzig Jahre später destruiert. 50 Millionen tote Familienmitglieder infolge der NS-Herrschaft vermögen somit dem „Wert“ der Familie kaum etwas anzuhaben, aber studentische Wohngemeinschaften richten die gesamte Moral zugrunde.

In weiten Teilen der Presse wird diese Auffassung als skandalös angesehen. Nachdem Herman der ARD ihre Darlegungen vor den Pressevertretern inhaltlich bestätigt, kündigt der Sender den mit ihr bestehenden Moderatorenvertrag. Selbstverständlich bestätigt Eva Herman nur das, was sie tatsächlich gesagt hat und nicht etwa Fehlinterpretationen wie die, dass Herman die NS-Familienpolitik mehr wertschätze als die der Bundesrepublik. Ihre Entlassung wiederum wird erneut als Skandal aufgefasst, und zwar von der NPD und der DVU, die eine Kampagne „Freiheit für Eva Herman“ starten, inklusive geplanter Kundgebung in Hamburg.

Auch die Anthroposophen sind empört, nicht über Eva Hermans Geschichtsinterpretation und ihre „Werte“, sondern über die Kündigung durch die ARD. Allen voran, erklären die Redakteure der anthroposophischen Zeitschrift Info3 (Autobahn geht halt nicht) ihren Anhängern, was Eva Herman eigentlich hat sagen wollen, was Info3 genauso sieht wie Herman, und dass es deshalb untragbar sei, sie rauszuschmeißen, nicht nur als Moderatorin des NDR, sondern anschließend auch noch als Gast einer Takshow des ZDF („Johannes B. Kerner“), in der Herman selber wieder einmal nicht die „richtigen“ Worte findet.

Insbesondere der Info3-Redakteur Sebastian Gronbach, ist voller Begeisterung für Hermans Thesen und ihren „Mut“, auszusprechen und niederzuschreiben, was auch er für unumstößliche Wahrheiten hält.

Natürlich will Gronbach selber da nicht zurückstehen und platziert auf seiner Internetseite heroische Links zu einschlägigen Mitstreitern der NPD/DVU-Kampagne unter dem Slogan „Freiheit für Eva Herman“. Die Links sind inzwischen wieder verschwunden, geblieben ist seine Laudatio auf das einzig richtige Verständnis wahrer Weiblichkeit:

„Sie (Eva Herman, der Verf.) haben gesagt, dass Frauen und Männer von Natur aus unterschiedlich sind. Dann haben Sie das spezifisch weibliche Profil skizziert und dabei auf Kompetenzen wie Hingabe, Mitgefühl, Zärtlichkeit, Sinn für Harmonie und Schönheit, Flexibilität und Fürsorge hingewiesen. Schließlich haben Sie gesagt, welche menschlich-gesellschaftlichen Mission, am besten zum Format der Weiblichkeit passt: Hausfrau und Mutter. (…) Sie beschreiben und belegen wissenschaftlich, was einem der gesunde Menschenverstand sagt: Vor allem kleinste Kinder brauchen eine Hülle, ein Zuhause, die verlässliche Gegenwart der Mutter und einen Vater der ihnen zeigt, was die männliche Natur ist.“ (Evas Sünde)


„Was die männliche Natur ist“, so wie es ihm sein „gesunder Menschenverstand“ sagt, erläutert Sebastian Gronbach kurz darauf in einem weiteren Artikel. Während das Weib seine „Mission“ als Hausfrau und Mutter verwirklicht, beweist sich der Mann idealerweise als Kriegsheld:

„Der Erzengel Michael ist die Symbolfigur der Anthroposophie. Die Majorität der Anthroposophen geht sogar davon aus, dass dieser Erzengel als Wesen existiert – Michael ist für sie also mehr als ein Symbol. Er ist für viele Anthroposophen eine Realität. Ein reales (wenn auch geistiges) Wesen mit einem realen (wenn auch geistigen) Schwert. (…) Ein sauberer Krieg ist ein Krieg, der frei ist von unbewusster Energie. Ein Krieg der bewussten Energie also. (…) Krieg ist insofern eine Metapher für absolutes und vorbildhaftes Engagement für eine Sache, die aus einer Person kommt, aber größer als Zeit und Raum von Personen ist. Man setzt sich für eine Sache ein. Man ist als Krieger sein eigener Einsatz. (…) Andererseits ist Krieg keine Metapher, sondern die zeitlose Antwort des Heroismus. Heroismus wurde krank gespöttelt und todgesagt und ist doch unsterblich. (…) Gibt es den Erzengel Michael? Es gibt ihn immer dann, wenn wir uns für Heroismus des Lichts entscheiden. Unsere Entscheidungen machen aus uns, was wir sind. Zum Beispiel ein Erzengel.“ (Mythos Michael-Wiklichkeit Heroismus)

Welche Heldentaten in welchen „sauberen“ Kriegen der Anthroposoph konkret meint, ist seinen Männerphantasien nicht zu entnehmen.

Verdun - unsterblicher Heroismus