Freitag, 2. Mai 2008

Frankfurter Memorandum

Anthroposophische Gesellschaft dekretiert Stillschweigen bezüglich Rassismus

Nachdem die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) im letzten Jahr den Werken Rudolf Steiners rassistische Inhalte bescheinigte, verpflichtete sich der Rudolf-Steiner-Verlag, die inkriminierten Werke nur noch in kommentierten Ausgaben zu veröffentlichen, um eine Indizierung der Schriften zu vermeiden. Die Anhänger der in Steiners Werk manifestierten Weltanschauung, der „Anthroposophie“, beeilten sich mit Ehrenbekundungen in eigener Sache. (Stuttgarter Erklärung)

Der anthroposophische „Bund der Freien Waldorfschulen“ wies alle Vorwürfe der Bundesbehörde und der Wissenschaft zurück. Allein, dass einige Stellen in Steiners Werk heute falsch verstanden und nur deshalb diskriminierend „wirken“ könnten, räumten die anthroposophischen Sprachakrobaten ein. Damit machten sie zugleich deutlich, das Urteil der BPjM ebenso wie die wissenschaftliche Forschung, für die der Rassismus in Steiners Werk unstrittig ist, in keiner Weise anerkennen zu wollen.

Während anthroposophische Presseorgane vor und nach dem Urteil der BPjM Verleumdungen über das Indizierungsverfahren samt beteiligter wie unbeteiligter Wissenschaftler kolportierten, blieben die Medienstrategen der „Bewegung“ sich uneins, was sonst noch getan werden könnte, um das ramponierte Image wieder aufzupolieren. (Gefährliche Wissenschaften; Anthroposophischer Journalismus) Auch auf einem „Thementag Rassismusvorwürfe“ konnte kein Patentrezept gefunden werden. Schließlich veröffentlichten die Gesellschafter der anthroposophischen Zeitschrift „Info3“, Ramon Brüll und Jens Heisterkamp, den „Entwurf eines Memorandums“, unter dem Titel „Rassismusvorwürfe gegen Rudolf Steiner“.

Mit dem „Frankfurter Memorandum“ sollten die deutschen Anthroposophen auf eine Linie eingeschworen werden, mit der es in den 90er Jahre den Gesinnungsgenossen in den Niederlanden gelungen war, die Wogen der öffentlichen Kritik an rassistischen Unterrichtsinhalten der anthroposophischen Schulen wieder zu glätten. Eine interne „Kommission“ der holländischen Anthroposophen hatte unter dem äußeren Druck zugestanden, es gäbe eine Handvoll Aussagen im Werk Steiners, die im Wortlaut heutzutage als diskriminierend empfunden werden könnten. Eine rassistische Ideologie sei hingegen in dem Gesamtwerk Steiners nicht zu finden. (Vgl. Andreas Speit)

Genau das verfochten nun auch Brüll und Heisterkamp in ihrem „Memorandum“. Sie beriefen sich daher auf den Bericht der niederländischen Anthroposophen, der in deutscher Sprache in ihrem Info3-Verlag erschien. Auch die Demagogen Hans-Jürgen Bader und Lorenzo Ravagli (Falsche Propheten) führten die Autoren der Denkschrift zustimmend an. Die seriöse Wissenschaft fand hingegen keine Berücksichtigung. Helmut Zanders Standardwerk über die Anthroposophie in Deutschland ist den Verfassern wohl bekannt, aber eben nicht zweckdienlich, denn es lässt keinen Zweifel daran, dass der Rassismus in Steiners Werk eben nicht auf einzelne rhetorische Ausrutscher reduziert werden kann, sondern ein zentraler Bestandteil der anthroposophischen Ideologie ist, ihres esoterisch-hanebüchenen Evolutions- und Menschenbildes.

Brüll und Heisterkamp gaben sich die größte Mühe, auch Steiners irrsinnigste, rassistische Phrasen untersten Niveaus zu rechtfertigen. So diagnostizierte Steiner bekanntlich:

„Im Neger wird da drinnen fortwährend richtig gekocht, und dasjenige, was dieses Feuer schürt, das ist das Hinterhirn. Manchmal wirft die Einrichtung des Menschen noch solche Nebenprodukte ab. Das kann man gerade beim Neger sehen.“ (Keine Prügel, kein Rassismus; Vgl. auch Hottentotten und Melancholiker)

Und die Verfasser des Memorandums wussten zu erläutern:

"Nach Steiners Beschreibung findet die (für ihn nur vorläufige und vorübergehende!) Ausdifferenzierung der Gesamtmenschheit in verschiedene Rassen dadurch statt, dass unterschiedliche rein geistige Wesenheiten wie von außen auf die Menschen eingewirkt haben – und zwar jeweils konzentriert auf unterschiedliche Organsysteme: bei Mongolen auf den Blutkreislauf; bei Asiaten auf das Nervensystem; bei Schwarzen auf das Drüsensystem, etc. Steiner spricht hier bildlich von ‚kochen und brodeln‘ ...“ (Memorandum)

Derartige „Beschreibungen“ hätten „nichts Herabsetzendes“ im Sinn, sondern könnten nur durch die „Formulierung“ beleidigend wirken, wenn sie aus dem „Kontext“ herausgelöst würden. (ebd.) Tatsächlich ist es gerade der „Kontext“, den die anthroposophischen Strategen im Unterschied zur Wissenschaft tunlichst außen vor lassen.

Für ihre Apologie des Rassismus in Form des „Frankfurter Memorandums“ präsentierten die Initiatoren stolz eine Liste der Erstunterzeichner, zu denen auch Mitglieder der anthroposophischen „Weltzentrale“ in Dornach sowie deren deutschen Landesverband in Stuttgart zählten. Die Führungsriege der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft (AAG) wollte jedoch auch von einem durch und durch euphemistischen Text nichts mehr wissen. Das Thema Rassismus sollte schlichtweg nicht mehr erwähnt werden.

Wer kein Anthroposoph ist, lässt sich nur schwer davon überzeugen, dass Steiners Darlegungen über „degenerierte“ und in Zukunft „absterbende“ menschliche „Rassen“ Ausdruck besonderer Humanität seien. Die AAG setzte daher konsequenterweise auf Abschottung. Die Volltextsuche der Rudolf-Steiner-Werke im Internet wurde kurzerhand geschlossen, mit der absurden Begründung, Kriminelle hätten den Datenbestand attackiert. (Der dritte Mann) Das „Memorandum“ wurde ebenso zackig vom Tisch gefegt, die Initiatoren der Denkschrift schleunigst zurückgepfiffen. Heisterkamp unterzeichnete artig eine gemeinsame Widerrufserklärung mit Bodo von Plato vom Vorstand der AAG, die sicherheitshalber gleich flächendeckend in den diversen anthroposophischen Periodika bekannt gemacht wurde, u.a. im „Goetheanum“, den "Mitteilungen" des deutschen Landesverbands, der „Erziehungskunst“ und in Brülls und Heisterkamps eigener „Info3“:

„Die genannten Erstunterzeichner sehen in einer Stellungnahme zu den Rassismus-Vorwürfen, die durch eine breite und offene Diskussion in der anthroposophischen Bewegung abgestützt ist, eine wichtige Aufgabe. Sie halten aber nach den bereits erfolgten Erklärungen vom Bund der Freien Waldorfschulen und der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland eine Aktion nicht mehr für angemessen, die erneut allein die rassismusverdächtigen Stellen im Werk Steiners publiziert und kommentiert. Sie setzen sich vielmehr für eine Diskussion ein, in der zudem Äußerungen Steiners Beachtung finden, die charakteristisch für die Anthroposophie sind und die auch tatsächlich die weltweite Praxis anthroposophisch inspirierter Organisationen und Einrichtungen geprägt haben und prägen.“ (Info3)

Im Klartext: Schluss mit dem Gerede über Rassismus, lasst uns andere Themen ausschmücken.

Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien hat den Anthroposophen eine Kommentierung zur Auflage für den freien Verkauf zweier Bände Rudolf Steiners gemacht. Sie sollte nun darauf achten, sich nicht von den nach wie vor treuen Anhängern dieser Schriften an der Nase herumführen zu lassen. Herrscht Ruhe in der Öffentlichkeit, so das Kalkül, gehen auch schönfärbende Kommentare stillschweigend über die Bühne.

Öffentlichkeit, Medien und Behörden sind in letzter Zeit etwas hellhöriger geworden, bezüglich der Anthroposophie, ihrer Waldorf-/Rudolf-Steiner-Schulen, deren Menschenbild, ihrer „Pädagogik“ und den „medizinischen“ Heimsuchungen. (Gemeingefährlich statt gemeinnützig) Die Anthroposophen sind dementsprechend etwas „nervöser“ gestimmt. Die Kritik an den Wahnvorstellungen ihres „Menschheitsführers“ Rudolf Steiner gilt Anthroposophen als Existenzgefährdung. Ihr „Führer“ hat nichts zustande gebracht, außer einer ihm allein huldigenden fundamentalistischen Organisation, die bis heute unentwegt unter dem Namen „Anthroposophie“ ihrem Schöpfer täglich dankt.

Steiner hatte nur seine "Anthroposophie" und diese hat nichts anderes zu bieten als Rudolf Steiner. Es ist eine Symbiose, die sich ideologisch-selbstreferenziell jeder Kritik und Veränderung entzieht. Die internen Querelen entzünden sich allein an der Frage, wie der Öffentlichkeit am effektivsten ein positives Bild dieser antidemokratischen Weltanschauung und ihrer schulischen „Einweihungsstätten“ untergejubelt werden kann. Schließlich subventioniert der Staat aus Steuermitteln die Waldorf-/Rudolf-Steiner-Schulen, ohne die der anthroposophische Nachwuchs ausbliebe.